Höhenübertragung mit hängendem Messband
HTWD/Robin Ullrich
Erstellt von Prof. Dr.-Ing. Robin Ullrich |

🔧 Aus dem geodätischen Werkzeugkasten

Wie vielseitig Ingenieurgeodäsie sein kann, zeigt eine aktuelles Messprojekt zur Untersuchung des Setzungsverhaltens eines Maschinenhauses im vollständigen Betrieb.

Das Ziel bestand darin, hochgenaue Höheninformationen innerhalb eines komplexen Industriebaus zu erfassen und auf ein einheitliches, amtliches Höhenbezugssystem zurückzuführen. Dies war nötig, da ein inhomogenes Setzungsverhalten des Gebäudes vermutet wurde, was auf die hochpräzise Ausrichtung des Maschinenstrangs zwischen den Turbomaschinen und Generatoren einen negativen Einfluss hat. Bei den Messungen musste auf ein breites Spektrum geodätischer Messstrategien und Instrumente zurückgegriffen werden- eben ein echter Werkzeugkasten der Ingenieurgeodäsie. Dies war nötig, da die Höhenbestimmung und -übertragung über mehrere Gebäudeebenen erfolgen musste und aufgrund von Verbauungen die Messpunkte auf den Einzelebenen nur schwer zugänglich waren. Zudem herrschten starke Temperaturunterschiede zwischen den Ebenen. Vibrationen der Maschine beeinflussten die Instrumente. Dies führte zu folgendem Vorgehen.

🔹 Präzisionsnivellement
Ein Doppelnivellement zu einem im Maschinenhaus leicht zugänglichen Höhenbolzen stellte den absoluten Höhenanschluss an das deutsche Haupthöhennetz im Submillimeterbereich her.

🔹 Höhenübertragung unter schwierigen Umweltbedingungen
Aufgrund von großen Temperaturgradienten, Zugluft und den daraus resultierenden Refraktionserscheinungen wurden die Höhendifferenzen zwischen den drei Ebenen redundant mit zwei unabhängigen Verfahren bestimmt: tachymetrisch, mit gegenseitig zeitnahen Messungen sowie mittels eines hängenden Messbandes inklusive Temperatur- und Dehnungskorrektur. Die Differenzen zwischen beiden Messverfahren lagen im Bereich von 0,5 mm.

🔹 Trigonometrisches Nivellement und Lasertracking
Zur Erfassung der relativen Höhenunterschiede innerhalb einzelner Ebenen kam entweder ein klassisches trigonometrisches Nivellement oder präzise Lasertracker-Messungen zum Einsatz. Das einzusetzende Messsystem wurde aufgrund der Platzverhältnisse (starke Verbauungen) und/oder der Vermarkungsart der Höhenmesspunkte gewählt.

📐 Ergebnis
Ergebnis: Die Kombination aus bewährten und modernen Messverfahren schafft eine belastbare, hochgenaue Datengrundlage, mit der sich Setzungen und Verformungen selbst in anspruchsvoller industrieller Umgebung bewerten lassen. In der Ingenieurgeodäsie kommt es auf die intelligente Kombination ihrer Werkzeuge an. Nicht das einzelne Instrument ist entscheidend, sondern die passende Messstrategie für die jeweilige Aufgabe.

🎓 Genau diesen geodätischen Werkzeugkasten versuchen wir im Studium der Geomatik aufzubauen, um die Absolvent:innen zu befähigen, komplexe Messaufgaben praxisnah und methodisch sicher zu lösen.

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Erstellt von Prof. Dr.-Ing. Robin Ullrich |